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Rudolf Eisler

Affekt

Affekt (affectus, passio, pathos ) heißt ein erregter Gefühlsverlauf, Gefühlsausbruch, mit welchem bestimmte psychische und physiologische Veränderungen verknüpft sind, welche auf den Affekt verstärkend zurückwirken. Im Altertum und Mittelalter werden die Affekte mit den Gefühlen und Trieben vermengt; der Affektbegriff bezeichnet hier »alle Gefühls- und Willenszustände, in denen der Mensch von der Außenwelt abhängig ist« (WINDELBAND, G. d. Ph. S. 129).

Zunächst gilt als Affekt jede von außen in der Seele erregte mehr oder weniger starke Bewegung der Seele, des Vorstellungs- und Gefühlsverlaufes. So bei den Kyrenaïkern (s. Gefühl ). ARISTOTELES versteht unter pathê tês psychês alle Zustände ( exeis ) der Seele (De an. I, 1, 402 a 9), im engeren Sinne die Gemütsbewegungen, die teils von der Seele, teils vom Leibe ausgehen ( sômatika ta pathê Eth. Nic. X, 2, 1173 b 9). Als Affekte werden aufgezählt: thymos, praotês, phobos, eleos, tharsos, chara, philein, misein, epithymia, orgê, phthonos, philia, pothos, xêlos (De an. I, l, 403 a 17 squ., Eth. Nicom. II, 4, 1105 b 21 squ., Polit. VIII, 6). Die Stoiker definieren den Affekt ( pathos ) als anormale nicht naturgemäße, stürmische, vernunftlose Bewegung der Seele, sie betonen das Alogische des Affekts: esti de auto to pathos kata Zênôna ê alogos kai para physin psychês kinêsis ê hormê pleonazousa (Diog. L. VII, 110). Pathos d' einai phasin hormên pleonaxousan kai apeithê tô hairounti logô ê kinêsin psychês para physin (Stob. Ecl. II, 6, 47). »Est igitur Zenonis haec definitio, ut perturbatio sit, quod pathos ille dicit, aversa a recta ratione contra naturam animi commotio« ( CICERO , Tusc. disp. IV, 6, § 11). »Omnes perturbationes iudicio censent fieri et opinione« (l.c. 7, § 14). Der Affekt enthält ein unlogisches Urteil. Die Grundaffekte sind: lypê (aegritudo), phobos (metus), epithymia (libido), hêdonê (laetitia) (Diog. L. VII, 110; Cic. Tusc. disp. IV, 6, § 11). Die Beherrschung, Unterdrückung der Affekte (Apathie, s. d.) ziemt dem Weisen, Tugendhaften, weil die Affekte gegen die Natur der vernünftigen Seele sind (Cic., Tusc. disp. III, 9, IV, 19; Senec. Ep. 116). Doch gibt es auch eupatheiai , nämlich chara, eulabeia, boulêsis (Diog. L. VII, 116). SENECA betont die freiheitshemmende Natur der Affekte (De ira II, 17, 7). Nach PLOTIN ist der Affekt ein an bestimmte Vorstellungen der Seele sich anknüpfender Zustand des Leibes (Enn. III, 6, 3).

Nach GREGOR VON NYSSA stammen die Affekte vom Leibe her, sie sind beim Menschen Krankheiten der Seele (De an. p. 47; vgl. SIEBECK, G. d. Ps. I, 2, 378). NEMESIUS nennt als Affekte Lust, Unlust, Furcht, Begierde ( Peri physeôs 17), AUGUSTINUS: Begierde, Freude, Furcht, Trauer (Conf. VIII, 14), THOMAS: amor, concupiscentia, delectatio, dolor, tristitia (Sum. th. II, qu. 26 ff.). Affekt heißt hier »affectio, affectus, concitatio animi, passio animae, perturbatio«; er ist eine Erregung des »appetitus sensibilis«, des sinnlichen Begehrens (1 perih. 2a; Sum. th. I. II, 24, 2c; 2 eth. 5b; De ver. qu. 26, 2). GOCLEN versteht unter Affekten »appetitus et aversationes« (Lex. phil. p. 80). »Passio« wird gebraucht für jede Form »potentiae appetitivae« (l.c. p. 802). Vgl. L. VIVES, De an. III, p. 146 ff.

Nach HOBBES bestehen die Affekte gleichfalls in Begehrungen und Verabscheuungen (»appetitu et fuga constant«, De corp. c. 25, 12), Bewegungen des Bluts liegen ihnen zugrunde. Passiones sind appetitus, cupido, amor, aversio, odium, dolor (Leviath. I, 6). Physiologisch erklärt die Affekte auch DESCARTES: »causam passionum animae non aliam quam agitationem, qua spiritus (Lebensgeister) movent glandulam, quae est in medio cerebri« (Pass. an. II, 51). Die primitiven, einfachen Affekte sind »admiratio, amor, odium, cupiditas, laetitia, moeror« (l.c. 69). SPINOZA erblickt (ähnlich wie die Stoiker) im Affekt eine »confusa idea« (Eth. III, Schluß). Unter Affekten versteht er »corporis affectiones, quibus ipsius corporis agendi potentia augetur vel minuitur, iuvatur vel coërcetur, et simul harum affectionum ideas« (Eth. III, def. III). Affekte sind nur durch andere Affekte zu bekämpfen, zu beherrschen (Eth. V, so schon F. BACON). Die Grundaffekte, deren mannigfache Formen analysiert werden, sind laetitia, tristitia, cupiditas. MALEBRANCHE versteht unter Affekten »toutes les émotions que l'âme ressent naturellement à l'occasion des mouvements extraordinaires des esprits animaux et du sang« (Rech. II. Bd., C. 1). LEIBNIZ setzt die Affekte als »perturbations ou passions« in die »pensées confuses où il y a de l'involontaire et de l'inconnu« (Gerh. IV, 565). SHAFTESBURY bestimmt die selbstischen und sozialen, Affekte (Mitleid, Mitfreude u. dgl.) als natürliche, denen die unnatürlichen Affekte (Bosheit, Schadenfreude) gegenüberstehen. Von diesen »sinnlichen« werden die »rationalen« (Reflexions-)Affekte (Gefühle des Schönen und Schlechten) (Charact. of Men) unterschieden.

Wieder als Erregungen des Begehrens erscheinen die Affekte bei CHR. WOLF. »Affectus sund actus animae, quibus quid vehementer appetit vel aversatur, vel sunt actus vehementiores appetitus sensitivi et aversationes sensitivae« (Psych. emp. § 603 ff.). Ein Affekt ist »ein merklicher Grad der sinnlichen Begierde und des sinnlichen Abscheues« (Vern. Ged. I, § 439). Ähnlich BILFINGER (diluc. met. § 294). BAUMGARTEN betont wieder den alogischen Ursprung des Affekts (»ex confusa cognitione«, Met. § 678). CONDILLAC erblickt im Affekt »un désir qui ne permet pas d'en avoir d'autres, ou qui du moins est le plus dominant« (Trait. d. sens. I, ch. 3, § 3).

Das Überraschende, Packende, Hemmende des Affekts wird betont zunächst durch KANT. Nach ihm ist Affekt »das Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Standpunkte, welches im Subjekt die... Überlegung nicht aufkommen läßt«, »Überraschung durch Empfindung, wodurch die Fassung des Gemüts aufgehoben wird« (Anthr. § 71 f.), »diejenige Bewegung des Gemüts, welche es unvermögend macht, sich nach freier Überlegung durch Grundsätze zu bestimmen« (Krit. d. Urt. S. 130). Die Affekte sind von den Leidenschaften (s. d.) zu unterscheiden (ib.). Je nachdem sie die Lebenskraft steigern oder mindern, sind sie »sthenische (wackere)« oder »asthenische (schmelzende)« Affekte (l.c. S. 130, Anthr. § 74). HERBART erklärt die Affekte aus dem Auftreten zu großer oder zu kleiner Vorstellungsmengen, die » beträchtlich von ihrem. Gleichgewicht entfernt« sind (Psych. a. W. § 106; vgl. VOLKMANN, Lehrb. d. Psych. II4, 390). Nach NAHLOWSKY ist der Affekt » die durch einen überraschenden Eindruck bewirkte vorübergehende Verrückung des inneren Gleichgewichts, wodurch auch der Organismus in Mitleidenschaft gezogen und demgemäß die besonnene Überlegung und freie Selbstbestimmung entweder reduziert oder sogar momentan aufgehoben wird « (D. Gefühlsleb. S. 247). Zu unterscheiden sind »Affekte der aktiven oder Plus-Seite« und »Affekte der passiven oder Minus-Seite« (l.c. S. 258 f.). Nach BENEKE entsteht der Affekt aus einer Ausgleichung plötzlich entstandener Überreizung (Lehrb. d. Psych. S. 181). SCHOPENHAUER definiert ihn als »eine durch unmittelbar dargebotene, anschauliche Motive hervorgerufene. so starke Bewegung des Willens, daß sie für die Zeit ihrer Dauer den Gebrauch der Erkenntniskräfte hindert und hemmt« (Neue Paral. S. 401). Nach JODL ist der Affekt »das plötzliche Eintreten oder rapide Anschwellen eines auf Vorstellungen beruhenden Gefühls zu solcher Intensität, daß dadurch jeder anderweitige Bewußtseinsinhalt verdrängt wird« (Lehrb. d. Psych. S. 692). JERUSALEM bestimmt den Affekt als einen »bestimmten Gefühlsverlauf , der sich von der ruhigen Gemütslage deutlich abhebt und einen intensiven Einfluß auf den Gesamtzustand des Bewußtseins ausübt« (Lehrb. d. Psych.3, S. 152). Es gibt Lust- und Unlustaffecte, erregende und deprimierende, spannende und lösende Affekte (ib.). Nach A. LEHMANN ist Affekt der Seelenzustand, »in welchem starke Gefühle mit größerer oder geringerer Störung des normalen Vorstellungsverlaufes verbunden sind, und welche zugleich von verschiedenen Veränderungen des körperlichen Zustandes begleitet werden« (Gefühlsleb. S. 59). Jeder Affekt ist zugleich Trieb und umgekehrt (l.c. S. 141). Die Verwandtschaft von Affekt und Trieb betont auch KÜLPE (Gr. d. Psychol. S. 337); er sieht in beiden »Zustände, die eine Verschmelzung von Empfindungen und Gefühlen darstellen« (l.c. S. 331).

Diese Auffassung des Affekts als eigenartigen Gefühlsverlaufs ist die von WUNDT begründete. Von einem Affekt ist die Rede, wo sich »eine zeitliche Folge von Gefühlen zu einem zusammenhängenden Verlaufe verbindet, der sich gegenüber den vorangegangenen und den nachfolgenden Vorgängen als ein eigenartiges Ganzes aussondert, das im allgemeinen zugleich intensivere Wirkungen auf das Subjekt ausübt als ein einzelnes Gefühl« (Gr. d. Psych.5, S. 203). Der Affekt ist ein psychisches »Gebilde« (s. d.). »Jedes intensivere Gefühl geht in einen Affekt über« (l.c. S. 203), besonders das rhythmische (ib.). Jeder Affekt beginnt mit einem »mehr oder minder intensiven Anfangsgefühl , das durch seine Qualität und Richtung sofort für die Beschaffenheit des Affekts kennzeichnend ist, und das entweder in einer durch einen äußeren Eindruck hervorgerufenen Vorstellung (äußere Affekterregung), oder in einem durch Assoziations- und Apperzeptiosbedingungen entstehenden psychischen Vorgang (innere Affekterregung) seine Quelle hat. Darauf folgt dann ein von entsprechenden Gefühlen begleiteter Vorstellungsverlauf , der wieder sowohl nach der Qualität der Gefühle wie nach der Geschwindigkeit des Vorgangs bei den einzelnen Affekten charakteristische Unterschiede zeigt. Endlich schließt der Affekt mit einem Endgefühl , welches nach dem Übergang jenes Verlaufes in eine ruhigere Gemütslage zurückbleibt, und in welchem der Affekt abklingt, falls er nicht sofort in das Anfangsgefühl eines neuen Affektanfalles übergeht« (l.c. S. 204 f.). Durch die Summation und den Wechsel der aufeinander folgenden Gefühlsreize steigern sich auch die Wirkungen auf das Herz, die Blutgefäße und die Atmung sowie auf die äußeren Bewegungsorgane (pantomimische Bewegungen u.s.w. als Ausdrucksbewegungen , s. d.). Bei den relativ ruhigen Affekten: Verlängerung oder Verkürzung der Pulsund der Atmungswellen, bei den sthenischen Affekten verstärkte Innervation, verlangsamte und verstärkte Pulsschläge, bei den asthenischen Affekten Lähmung der Herzinnervation und des Tonus der äußeren Muskeln, starke Puls- und Atembeschleunigung, aber schwächere Bewegungen des Pulses und Atmens, bei den schnellen und langsamen Affekten größere oder geringere Schnelligkeit der Zunahme oder Hemmung der Innervation (l.c. S. 207 f.). Die physischen Begleiterscheinungen verstärken den Affekt (l.c. S. 208; vgl. Phil. Stud. VI). Nach der Qualität der Gefühle gibt es Lust- und Unlustaffekte, exzitierende und deprimierende, spannende und lösende Affekte; nach der Intensität sind schwache und starke Affekte zu unterscheiden, nach der Verlaufsform : plötzlich hereinbrechende, allmählich ansteigende, intermittierende Affekte (l.c. S. 213-216).

 

Quelle: www.textlog.de

 

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